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Selbstbestimmung am Lebensende

Zuletzt aktualisiert von Hansjörg Albrecht am 12. März 2021 - 14:44

Als Bund für Geistesfreiheit stehen wir für die Selbstbestimmung des Menschen. Die Entscheidung des Karlsruher Verfassungsgerichtes im Jahr 2020 begrüßten wir daher sehr, da sie eine Gesetzgebung kippte, die professionelle Hilfe zur Selbsttötung praktisch unterband. In der Begründung wurde die säkulare Position sehr gestärkt:

Ein gegen die Autonomie gerichteter Lebensschutz widerspricht dem Selbstverständnis einer Gemeinschaft, in der die Würde des Menschen im Mittelpunkt der Werteordnung steht, und die sich damit zur Achtung und zum Schutz der freien menschlichen Persönlichkeit als oberstem Wert ihrer Verfassung verpflichtet. Angesichts der existentiellen Bedeutung, die der Freiheit zur Selbsttötung für die selbstbestimmte Wahrung der Persönlichkeit zukommen kann, muss die Möglichkeit hierzu bei realitätsgerechter Betrachtung immer gewährleistet sein. (Absatz 277)

aus: Leitsätze Zum Urteil des Zweiten Senats vom 26. Februar 2020 

Die kirchlichen Reaktionen ließen natürlich nicht lange auf sich warten. Hier in Fürth tut sich der Ethik-Blog immer wieder hervor, um christliche Sichweisen zu politischen und vor allem gesundheitspolitischen Themen zu platzieren.

Die Replik von Christian Pawlu zu einem Beitrag des Theologen Elmar Nass finden wir sehr gelungen und wollen sie hier veröffentlichen. Sie zeigt die Zwickmühle der Kirchen in diesem Diskurs, die Unterschiede der Weltanschauungen und der daraus resultierenden Haltungen und nimmt die gesellschaftliche Rolle der Kirche in den Blick. 

Originalartikel Ethik-Blog Fürth

Assistierter Suizid in kirchlichen Einrichtungen?

von Prof. Dr. Dr. Elmar Nass (WLH-Fürth) in seinem Blog (Februar 2021)

Einige evangelische Theologen fordern, kirchliche Einrichtungen sollten sich dem assistierten Suizid nicht verweigern. Das BVerG hatte im Frühjahr 2020 die kommerzielle Sterbehilfe – selbst bei lebensmüden Menschen – für rechtmäßig erklärt. Auch in Österreich hat der VfGH im Dezember 2020 das Verbot jeglicher Hilfestellung zum Suizid wegen des Eingriffs in das Selbstbestimmungsrecht abgelehnt. Einen Rechtsanspruch auf assistierten Suizid gibt es aber nicht.  

Soll er nun in kirchlichen Einrichtungen durchgeführt werden? Reiner Anselm und seine Kollegen sagen Ja. Sie argumentieren verantwortungsethisch: Besser ist es, wenn diese Menschen es bei uns machen. Denn in kirchlichen Einrichtungen sind sie besser aufgehoben in dieser Grenzsituation. Selbstverständlich dürfe nicht der lebensmüde Jugendliche das Medikament bekommen. Das Arztethos werde nicht maßgeblich verändert, weil Ärzte woanders ähnlich handeln. Die Option der Selbsttötung sei dem Menschen von Gott mitgegeben. Und das erste Prinzip ethischer Beurteilung sei die kantische Autonomie. Im Zweifel sei der Wille des „Ich“ entscheidend, und nicht ein abstraktes Lebensschutzgebot. Schade, dass theologische Argumente in dieser Position kaum eine Rolle spielen. In einer christlichen Ethik gibt es einen gesinnungsethischen Anker, der Grenzen des Erlaubten aufzeigt. Thomas von Aquin spricht von dem „An-sich-Schlechten“, das für Christen immer verboten ist. Das Gebot zum Lebensschutz ist hier keineswegs abstrakt, sondern steht konkret für die Glaubwürdigkeit christlichen Profils. Oder würden wir im Zweifel alles opfern, was uns heilig ist? Dann braucht es keine kirchlichen Einrichtungen und auch keine Theologie. 

Dass Lebensmüde nicht unter diese Regelung fallen, ist durch das BVerfG nicht gedeckt. Mit welcher Begründung will man diese Unterscheidung durchsetzen, wenn doch schon die Tür geöffnet ist? Zumal im Blick auf das Arztethos genau mit dieser geöffneten Tür argumentiert wird, um sie weiter zu öffnen. Es Gott anzurechnen, dass uns die Möglichkeit des Selbstmordes gegeben ist, verkennt, dass nicht alles, was dem Menschen in Freiheit möglich ist, deshalb auch gut ist. Und kantische Autonomie meint: Nur, wenn ich den unbedingten moralischen Gesetzen folge, bin ich autonom. Der selbstbestimmte Mensch erkennt seine Verantwortung und macht sich diese Pflichterfüllung als Glück zu Eigen. Das ist Freiheit ohne Zwang. Dazu im Widerspruch steht die Orientierung an den Wünschen des Ich oder nur an staatlichen Regeln. So kommt Kant zu einer strikten moralischen Ablehnung von Selbstmord und Euthanasie. Und aus christlicher Verantwortung gegenüber Gott, mir selbst und dem Nächsten folgt, dass mein Körper nicht einfach mir gehört und ich mit ihm machen kann, was mir beliebt. Christliche und kantische Ethik sind sich in dem Punkt einig: Selbstbestimmung gibt es nur in Verantwortung vor Gott oder dem Vernunftgesetz. Sonst bleibt die bloß abstrakte Selbstbestimmung moralfrei. 

Replik von Christian Pawlu, März 2021

Wenn sich Theologen streiten, ist das aus säkularer Sicht oft ein wenig erheiternd. Dabei könnte man es belassen und seine Zeit relevanteren Themen widmen. Doch das geht hier nicht. Denn die Debatte um den assistierten Suizid in kirchlichen Einrichtungen hat gesamtgesellschaftliche Auswirkungen aufgrund der großen Zahl von Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft.

Es ist erfreulich, dass der Blogbeitrag von Elmar Nass mit dem Verweis auf das wegweisende Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVG) von 2020 beginnt. Die Verfassungsrichter haben das Recht jedes Einzelnen bejaht, über sein Leben zu verfügen und zwar gemäß „seinem eigenen Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz“ (BVG). Staat und Gesellschaft müssen dieses Recht des Einzelnen respektieren, und der Einzelne hat das Recht, Angebote auf Hilfe bei der Beendigung seines Lebens anzunehmen. Ein bahnbrechendes Urteil für jeden reflektierten, selbstbestimmten Menschen!

Eine Gruppe protestantischer Theologen um Reiner Anselm hat auf das Urteil reagiert und möchte, dass assistierten Suizid auch in kirchlichen Einrichtungen durchgeführt werden kann. Blogautor Elmar Nass hat zunächst einmal recht, wenn er sagt: Diese Theologen argumentieren ethisch, nicht moralisch. Sie wägen in einem (verantwortungs-)ethischen Diskurs ein Für und Wider ab, statt mit Verweis auf jenseitige Weisungen oder philosophische Autoritäten moralische Pflöcke in die Debatte einzuhauen.

Aber die Verantwortungsethik in diesem Bereich gefällt Elmar Nass überhaupt nicht. Er vermisst einen theologischen oder moralischen Anker. Mit verblüffender Klarheit stellt er klar, welche Gefahr er sieht: Kirchliche Einrichtungen und Theologie könnten überflüssig sein, wenn man der Verantwortungsethik der protestantischen Theologen um Reiner Anselm folgt. Nass sagt: „Dann braucht es keine kirchlichen Einrichtungen und auch keine Theologie“.

Und damit hat Elmar Nass recht – aber vielleicht in anderer Weise als ihm lieb ist. Was aus seinem Stift eine Warnung ist, ist in Wirklichkeit eine recht konsequente Beschreibung dessen, was passiert. Elmar Nass, aber auch seine protestantischen Kollegen, werden sich wohl damit abfinden müssen, dass der “Zug in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit der Christen weiter an Fahrt aufgenommen” hat (um seine eigenen Worte aus einem anderen Blogbeitrag zu zitieren). Der Theologenstreit zeigt uns die Gründe für die kirchliche Misere.

Offensichtlich prallen nämlich zwei Lebensmodelle aufeinander, die auf unterschiedlichen Weltanschauungen beruhen. Ein freies Lebensmodell, das dem Einzelnen die Autonomie für sein Handeln im Rahmen zugesteht, soweit er keine höherrangigen Rechte anderer verletzt. Diese Ansicht vertritt das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil, und die protestantischen Theologen um Reiner Anselm schließen sich dieser Ansicht an. Abwertend nennt Elmar Nass diese Haltung eine „Orientierung an den Wünschen des Ichs“ und an „staatlichen Regeln“.

Das andere Lebensmodell beruht auf der fragwürdigen Ansicht, dass “der Körper nicht einfach mir gehört”, sondern Leihgabe des christlichen Gottes sei. Wenn wir einmal kurz so tun, als gäbe es Götter, Geister oder Gespenster, dann funktionieren die Regeln etwa so: Der göttliche Eigentümer kann seine Leihgabe jederzeit ohne Angabe von Gründen zurückfordern. Allerdings wird die Laune des göttlichen Eigentümers ziemlich übel, wenn der menschliche Besitzer versucht, den geliehenen Körper seinem göttlichen Eigentümer aus eigenem Entschluss zurückzugeben. Dann denkt sich der göttliche Eigentümer alle möglichen Strafen aus und zeigt sich genauso von seiner sadistischen Seite, wie bei all den unverschuldeten Schmerzen und Leiden, das dieser Gott (oder ist es ein sadistischer Dämon?) den Menschen mit ihren oft mehr schlecht als recht funktionierenden Körpern zumutet, ohne ihnen die Möglichkeit des Notausstiegs zu erlauben.

Die Kirchen sind in einer Zwickmühle. Folgt man dem auf Selbstbestimmung basierenden Modell, wird Theologie, wie Elmar Nass richtig folgert, im Ergebnis nicht mehr gebraucht. Elmar Nass selbst sitzt auf der anderen Seite der Zwickmühle. Um die Bedeutung der Theologie zu retten, sieht er sich gezwungen, moralisch zu argumentieren. Er muss die Entscheidungsgewalt einem jenseitigen Wesen zuschanzen, das sich nicht besonders für menschliches Leiden zu interessieren scheint. Das ist natürlich keine besonders attraktive Position im öffentlichen Diskurs der Meinungen und führt zur beobachtbaren Marginalisierung und Radikalisierung des verbleibenden kirchlichen Kerns.

Mit einer Institution, die sich in eine solchen Zwickmühle zwischen Selbstabschaffung und Radikalisierung manövriert hat, möchte man fast Mitleid haben. Wenn ihr Einfluss nicht immer noch so groß wäre!

Deswegen darf man die eigentliche Frage nicht vergessen, auf die uns dieser Theologenstreit hinweist: Wie bringt man kirchliche Träger im Gesundheits- und Pflegebereich dazu, dass sie Patienten und Mitarbeiter bei ihren individuellen Lebensentscheidungen unterstützen statt zu moralisieren und Macht auszuüben?

Christian Pawlu

 

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Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben DGHS setzt sich für Selbstbestimmung ein.

Informationen zu Patientenverfügung und Betreuungsvollmacht können helfen diesem Ziel gerecht zu werden.